

Bei der Meditation, treffe ich immer wieder auf bestimmte, in meinem Geiste auftretende Hindernisse, Hemmungen (nivarana) genannt. Sie hindern mich, in die Tiefe meines Geistes vorzudringen um fundamentale Einsichten zu erlangen. Sie sind zum Teil sehr starke akute Störfaktoren, die zu Beginn nicht ganz eindeutig erkannt werden, mit ein wenig Erfahrung und Gewahrsein aber sehr gut unterschieden werden können.
Die fünf Hemmungen:
- Sinneslust (kama-chanda)
- Übelwollen (vyāpāda)
- Mattheit (thina-middha)
- Unruhe (uddhacca-kukkucca)
- Zweifel (vicikicca)
Diese geistigen Hemmungen treten natürlich nicht nur beim Sitzen in der Meditation auf, sondern sie beeinflussen mich Tag täglich bei den verschiedensten Tätigkeiten. Für viele sind das ganz normale Gemütsverfassungen, allerdings erkannte sie der Buddha als Haupthindernisse des spirituellen Fortschritts.
Da sie aber unmittelbare Verfassungen des Geistes sind, nicht wie die zehn Fesseln (samyojana) latent weilen oder wirken, können sie schnell Überwunden werden. Allerdings sind sie sehr hartnäckig, und für die Entwurzelung dieser Hemmungen bedarf es deutlich mehr Aufwand, vor allem aber eine eigene Beharrlichkeit und Entschiedenheit.
Wie erwähnt, sind die Hemmungen auch tief verwurzelt, es geht hier aber darum, zuerst mal die geistige Hemmung, wenn sie erschienen ist zum Verschwinden zu bringen. Dafür muss die erschienene Hemmung zuerst erkannt werden. Das bedeutet, dass ich achtsam sein muss und fähig bin, mein geistiges Befinden analysieren zu können.
So möchte ich hier die vierte Hemmung, die der Unruhe genauer anschauen.
Die vierte Hemmung- Unruhe (uddhacca-kukkucca)
Gleich wie bei den ersten beiden Hemmungen Sinneslust und Übelwollen, hat die dritte Hemmung, die Mattheit auch ein Äquivalent, nämlich die der geistigen Unruhe.
Der Geist ist in jenem Zustand nicht Arbeitsfaul, sondern springt getrieben von einem zum anderen Gedanken, zieht diese Erwägung mit ein, verwirft jene, er findet keinen ruhigen Gedanken. Die Gefühle, die mit den Gedanken aufsteigen durchwühlen uns, oft können wir keinen klaren Gedanken fassen. Wir sind hin und her gerissen, angespannt, der Entspannung fern, eben unruhig.
In solchen Momenten ist es oft schwierig, die Kontrolle zu gewinnen. Ein bewährtes Hilfsmittel ist eine Entspannungstechnik einsetzten, wie zum Beispiel die Achtsamkeit auf den Atem für eine kurze Zeit lenken. Drei, vier oder Fünfmal richtig tief und bewusst einatmen kann Wunder bewirken, und unseren Geist-Körper Komplex beruhigen.
Aktivität als Messwert
Von wo kommt diese Unruhe, diese Ungeduld? Soweit ich das beurteilen kann, kommt dies Unruhe von den falschen Annahmen, dass Glück durch äusseres zu erlangen ist, welches wiederum durch Aktivität erreichen wird.
Vor allem wir im Westen sind dieser Annahme fast hoffnungslos unterworfen. Wir legen so viel Wert auf äusseres und aufs Tun, dass wir die Ruhe vergessen. Durch den Drang zur Aktivität verkümmern wir unser Herz. Das Herz braucht oft einfach Ruhe, aber mehr im Sinn von Gelassenheit als von Nichtstun.
Wir identifizieren uns zu sehr mit unserem Tun, auch das ist ein starker Teil von unserem Verlangen, angenehmes durch äusseres zu erreichen. Desto Mehr desto besser, lautet oft die völlig falsche Devise.
Ich sehe das so: Da wir uns völlig aufs Aussen konzentrieren, wissen wir oft nicht viel über uns selber, über unser inneres. Wir identifizieren uns zu fest mit dem was wir Tun, legen zu viel Wert auf Äusserlichkeiten. An unserem Handeln wollen wir uns definieren, wer wir sind, ohne einen Blick in uns selber zu werfen. Durch diese Einseitigkeit brauchen wir immer mehr zu Tun, um uns definieren zu können und unserem falschen Selbstverständnis zu genügen, auch mit Hilfe der Sinnesbefriedigung, daher werden wir oft von der Unruhe getrieben.
Einfachheit
Ein Mittel zur Auflösung dieser Unruhe ist Einfachheit im Sein und im Tun. Wir müssen nicht mehrere Dinge miteinander tun, es bleibt genügend Zeit um andere Dinge später zu erledigen. Mit dieser Einstellung gewinnt man an Zeit, man hastet nicht herum, sondern widmet sich einer Tätigkeit ganz bewusst, womit diese, da wir nicht die ganze Zeit zu anderen Tätigkeiten wegspringen, schneller und kompetenter «erledigt» wird. Es ist wirkliche verblüffend, wie viel Zeit man «gewinnt», wenn man sich immer nur einer Tätigkeit voll widmet. Die ganze Zeit-Wahrnehmung verändert sich, da sich unser Geist beruhigt. Es ist übrigens mittlerweile wissenschaftlich Bewiesen, dass das Gehirn sich nur einer Tätigkeit widmen kann, neuronale Prozesse laufen simultan, aber die bewusste Wahrnehmung kann sich nur einer Tätigkeit widmen.
Das so oft angepriesen Multi-Tasking gibt also nicht wirklich, die Wahrnehmung springt nur innerhalb kürzerster Zeit vom einem Objekt zum anderen, was wir fälschlicherweise als gleichzeitig zwei Dinge erledigen wahrnehmen. Auch hier, schwindet die Qualität, da wir unseren Geist hin und her zerren.
Gewissensruhe
Ein dauernder Unruheherd ist unser Gewissen. Es lässt uns schlecht schlafen, peitsch uns hin und her und lässt uns mit der Frage aber wenn? keine Ruhe. Diese Unruhe kann langsam ab stetig abgebaut werden, indem man sich an ganz «einfachen» Tugend geboten hält. Wie sie der Buddha an Hand der fünf Silas lehrte. Das üben der Einhaltung dieser fünf Tugendgebote lässt einem ziemlich schnell von einer Ruhe schmecken, der Ruhe der Untadeligkeit. Die Frage, aber wenn? Lässt uns immer mehr in Ruhe, die Nächte werden wieder erholsam. Das Gewissen beruhigt sich, es muss nicht ständig auf der Hut sein, getadelt, entdeckt oder erwischt zu werden. Diese Untadeligkeit bewirkt eine ruhige Aussenwelt, ein ruhigeres Leben, was sich wiederrum auf ein ruhiges Gewissen auswirkt und somit die Türe für eine tiefere Meditation öffnet.
Die fünf Silas
- Kein Lebewesen verletzen oder töten
- Nicht stehlen
- Keine sexuellen Verfehlungen begehen (von allem sexuellen Verhalten abstehen, das für irgendeinen der Beteiligten Schaden oder Verletzung bedeutet, etwa Fremdgehen oder auch Vergewaltigung).
- Nicht lügen
- Keine bewusstseinstrübende Mittel nehmen (z.B. Alkohol und andere Drogen)
Was tun beim Meditieren?
Wenn ich beim Meditieren unruhig werde oder bin, warum auch immer, ist es wichtig, dies zu erkennen.
In dem Moment, wo ich erkenne, dass mein Geist aufgewühlt ist, sich hin und her reisst, habe ich ein grosser Schritt getan, ich bin Geistesgegenwärtig. Wichtig ist dabei die Geschichte, die uns einhüllt zu stoppen. Danach kann ich als erstes die körperliche Anspannung lösen, denn meistens sind wir angespannt und verkrampft, wenn wir unruhig sind.
Ich entspanne die Schultern und merke, wie sich mein Geist mitsenkt und atme ein paar mal bewusst tief ein und aus.
Nachdem der Körper entspannter ist, widme ich mich den Gefühlen bzw. den Gedanken, ich beobachte sie, aber lasse mich nicht in den Inhalt hineinziehen. Ich rufe mir in Erinnerung (sati) wie nichtig das momentane Verlangen, die Ursache der Unruhe, ist. Verlangen ziehlt auf die Zukunft. Ich bin aber gerade Hier, und es gibt nichts wichtigeres als Achtsam zu sein und meinen Geist zu beruhigen. Um alles andere kann ich mich kümmern, wenn die Gelegenheit dazu da ist. Eine Lösung findet man auch jetzt nicht, wie lautet es so schön «jedes Ding hat seine Zeit» und die ist nicht jetzt.
Der Buddha formuliert es kurz und bündig. Es ist wirklich genau so simpel.
«Kein besseres Mittel kenne ich, ihr Mönche, wodurch die unaufgestiegene Aufgeregtheit und Gewissensunruhe nicht zum Aufsteigen kommt und die aufgestiegene Aufgeregtheit und Gewissensunruhe schwindet, wie die innere Ruhe. Im innerlich Ruhigen nämlich, ihr Mönche, kommt die unaufgestiegene Aufgeregtheit und Gewissensunruhe nicht zum Aufsteigen und die aufgestiegene schwindet» ¹
Samatha- Entfaltung der Geistesruhe
Diese innere Ruhe wird vor allem mit der Praxis der Entfaltung der Geistesruhe (samatha) erreicht. Diese Meditation ist ideal, um das Herz zu stillen und auch, meiner Meinung nach Vertrauen zu entwickeln, den Vertrauen und innere Ruhe gehen Hand in Hand.
Mit Hilfe eines Meditationsobjektes (es gibt deren vierzig), zum Beispiel der Atmung fokussiert man seinen Geist auf dieses Objekt und hält die Aufmerksamkeit stetig nur auf dieses Objekt. Ohne grosse Anstrengung, aber mit einer Stetigkeit gibt man sich diesem Objekt hin und lässt den Geist zur Ruhe kommen, indem alle anderen Eindrücke ausgeblendet werden. Durch eine anhaltende Aufmerksamkeit gelangt man immer mehr zu einer entzückenden Sammlung des Geistes, welche für unseren Geist-Körper Komplex sehr wohltuend ist und bei steter Praxis die innere Ruhe auch nach aussen trägt.
Im letzten Teil dieser Hemmungen-Serie möchte ich den Zweifel anschauen
Fussnoten
¹ Aṅguttara Nikāya 1.2
Bildernachweis
Titelbild: © by e.a.